Redaktions-Logbuch | Text & Sprache
Samstag, 17.04.2010 | Text & Sprache
Sprache verstehen ist Networking im Gehirn -
Gutes Texten lernen wir schon in der Schule
Die Sprachforscherin Angela Friederici ist im Sommersemester 2010 Stiftungsprofessorin der Johannes Gutenberg-Universität.
Ich habe ihr bei ihrem Einführungsvortrag der Reihe „Sprache und Gehirn - Zur Sprachfähigkeit des Menschen“ am 15.4.2010 mit rund 1000 anderen Menschen im ReWi1 der Uni zugehört. Dabei bin ich auf eine anschauliche naturwissenschaftliche Erklärung gestoßen, warum es so wichtig ist, sich beim Schreiben an die strukturellen Regeln unserer Sprache zu halten. Außerdem habe ich gelernt, dass Networking auch beim Verstehen von Sprache eine wichtige Rolle spielt.
Angela Friederici nimmt das Verstehen von Sprache unter die Lupe. Wo und wie verarbeitet das menschliche Gehirn Sprache. Die Germanistin, Psychologin und Gehirnforscherin leitet das Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und forscht mittels Hirnstrommessungen an Erwachsenen und Kleinkindern. Also eine Über-den-Tellerrand-Denkerin auf höchstem Niveau.
Die Biologin nutzt dabei die Tatsache, dass die Verarbeitung der drei Sprachkomponenten (Syntax, Semantik, Prosodie) jeweils eine definierte Zeit lang dauert und die komplette Sprachverarbeitung nach einer festen Reihenfolge abläuft: Grammatik (120-160 ms), Bedeutung (400 ms), Sprachmelodie (läuft parallel). Wir verstehen Sprache innerhalb von 600 ms.
Syntax, Semantik und Prosodie werden in unterschiedlichen Gehirnhälften verarbeitet. Grammatik (Syntax) und Bedeutung (Semantik) in der linken Hirnhälfte und die Sprachmelodie (Prosodie) in der rechten.
Außerdem ging man in der Gehirnforschung lange davon aus, dass jede einzelne Komponente jeweils in einem fest umrissenen Areal der jeweiligen Gehirnhälfte (Broca- und Wernicke-Areal) entschlüsselt wird.
Friederici hat nun mit ihrer Methode herausgefunden, dass jede einzelne Komponente von mehreren Arealen in Zusammenarbeit entschlüsselt wird; quasi in einem fachspezifischen Arbeitskreis von Arealen. Im weiteren Prozess des Verstehens werden die Ergebnisse aus den 3 Arbeitskreisen zusammengetragen und zu einer Information zusammengesetzt, vermittelt über eine Brücke zwischen linker und rechter Gehirnhälfte.
Dies alles geschieht, wie die Entscheidung bei einem Hochleistungs-Skirennen, innerhalb von Millisekunden (siehe oben). Sprachverarbeitung ist also neuronales Networking im Gehirn. Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“.
Fällt ein Partner-Netzwerk ganz oder teilweise aus, dann kommt es zu Problemen im Umgang mit Sprache. Menschen können zum Beispiel Sätze und Worte hören und wissen auch, dass es sich um Sprache handelt, aber sie verstehen nicht, was man zu Ihnen sagt.
Interessant finde ich, dass die Art wie Sprache wahrgenommen wird, keinen Einfluss darauf hat, wo Sprache im Gehirn verarbeitet wird. Gebärdensprachler verarbeiten die jeweiligen Komponenten in den gleichen Hirnhälften und Arealen wie Hörende.
Allerdings spielt die Funktion einer Sprachkomponente eine entscheidenden Rolle. Im Chinesischen beeinflusst die Sprachmelodie die Bedeutung eines Wortes. Und siehe da: Prosodie wird nicht in ihrer Heimat-Hirnhälfte verarbeitet, sondern so zu sagen auf exterritorialem Gebiet: In der linken Hemisphäre.
Für mich als Texterin ist folgendes Forschungsergebnis von Angela Friederici besonders erhellend: Syntax und Semantik werden nicht gleichzeitig, sondern nacheinander und in fester Reihenfolge verarbeitet. Die Gehirnforscherin hat auf die Millisekunde genau mit ihren Hirnstrommessungen ermittelt, dass immer zuerst die Grammatik (120-160 ms) und dann die Bedeutung (400 ms) encodiert wird.
Ich finde, das ist eine anschauliche naturwissenschaftliche Erklärung, warum es so wichtig ist, beim Texten auf korrekte Grammatik zu achten. Also deutsche Sätze so aufzubauen, wie wir es alle in der Grundschule gelernt haben: Subjekt, Prädikat, Objekt.
Angela Friederici sagt es so: „Das stabile Element von Sprache ist die Syntax. Wenn wir einen Satz hören oder lesen, dann warten wir so lange mit der semantischen Encodierung, bis wir die Syntax erkannt haben.“
Ergo: Je komplizierter, je verschachtelter ein Satz ist, je weiter er von den strukturellen Regeln einer Sprache abweicht, desto länger braucht der Mensch dazu, die Information zu verarbeiten und zu lernen.
Gute Texter sollten also das Gehirn ihrer Leser nicht so lange warten lassen! OK!
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Stiftungsprofessur der Johannes Gutenberg-Universität
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